Ausrüstung

Persönliche Schutzausrüstung

Schutz ist weder auf Brettern, noch Schneeschuhen oder Bergstiefeln jemals sinnlos – aber es gibt auch Dinge, die sind absolut notwendig, während andere aufgrund des jeweiligen Risikos in bestimmten Situationen schlicht Luxus sind. Warum Schutz dennoch immer vor allem anderen stehen sollte, das erklären wir im Folgenden.

Der Grat zwischen sicher und sparsam...

Freeriden

Jedem Bergsport seine Schutzausrüstung. Allerdings gehen viele zu locker mit dem Thema um, andere übertreiben es und wieder andere glauben, dass bei Sicherheit zu sparen, eine gute Idee wäre, weil sowieso nie was passiert.

Einer für alle? Gibt’s nicht!

Ein Lawinenrucksack im Funpark? Wohl eher nicht. Allerdings wäre es auch für Routiniers sinnvoll, nicht auf Knie-, Ellbogen- und Handgelenksschoner zu verzichten: Fallen kann jeder.zoom

Jeder Sport hat seine passende Schutzausrüstung und die Hersteller gehen weite Wege um zu entwickeln und weiter zu verfeinern, sodass dem Einzelnen je nach Portemonnaie-Situation ein vielfältiges Sicherheitskonzept passend zu seinem Sport offeriert wird. Doch genau hier liegt der Knackpunkt: Die Schutzausrüstung muss auch zu dem passen, was man ausübt. Niemand würde behaupten, dass ein ABS Lawinenairbag – der immerhin auf eine 30-jährige Geschichte zurückblicken kann – für einen Freerider abseits der Piste in irgendeiner Form luxuriös wäre. Das ist er nicht, sondern  pure Notwendigkeit, die der im Gelände erhöhten Lawinengefahr Rechnung trägt. Umgekehrt wäre allerdings der gleiche Airbag im Funpark wegen des dortigen Lawinenrisikos nicht nur überflüssig, sondern dank seines Gewichts und der Abmessungen auch noch kontraproduktiv.
Im gleichen Funpark ist jedoch eine Protektorweste für den Rücken Pflicht – Einsteiger sollten zudem auch über weitere Teile wie Knie- und Ellbogenschoner nachdenken. Teile, die wiederum beim Langlauf ebenso überflüssig sind wie bei einer Bergwanderung. Jedem Sport also sein Schutzkonzept, doch gibt es eine universal gültige Regel? Die Antwort ist ein klares Jein.

Schütze immer deinen Kopf!

Gerade beim Bouldern und Freeclimben gehen zu viele nach der Maxime: „Jedes gesparte Gramm ist gut“ und verzichten auf Helme. Dabei kann man sich auch in Absprunghöhe schon den Schädel bei einem Sturz einschlagen. Helme sind bei keinem Bergsport überflüssig.zoom

Wer aufmerksam die Nachrichten verfolgt, konnte vor einigen Tagen einen Streit mitbekommen: Es ging um den Formel-1-Fahrer Michael Schumacher und die Behauptung eines Boulevardblattes, der Rekordmeister könne nach seinem schweren Skiunfall 2013 wieder laufen. Die Meldung war eigentlich keine, denn es ging nur um das Dementi eines Anwalts, wonach „Schumi“ eben nicht wieder laufen könne. Doch was hat das mit der Schutzausrüstung zu tun? Ganz einfach: Auch wenn der Mann aus Kerpen nach wie vor noch zu kämpfen hat, er lebt wenigstens noch – weil er bei seinem Sturz auf der Piste einen Helm trug. Ohne ihn hätte er den Kontakt mit dem Felsen sicherlich mit dem Leben bezahlt. Das Vertrackte dabei: In praktisch allen wichtigen Wintersportländern besteht keine Helmpflicht für Erwachsene. Und auch beim Klettern sieht es ähnlich aus, allenfalls einige Klettergärten schreiben die Benutzung vor – in der freien Natur jedoch Fehlanzeige. Unzweifelhaft haben jedoch alle „oben ohne“ Bergsportler mit einer Reihe von Risiken zu kämpfen – und dazu im Schadensfall auch noch den berühmten „Schwarzen Peter“:

  • Schon bei Stürzen aus geringer Höhe auf Eis, Beton oder Fels besteht für Schädel und Hirn ein immenses Verletzungsrisiko.
  • Ein Skifahrer, der nur mit Tempo 20 gegen einen Baum knallt, trägt auf seinem ungeschützten Kopf eine Last von zwei Tonnen. Diese Last drückt selbst die harte Schädeldecke gegen das Gehirn – das kann wiederum zu Hirnblutungen und anderen Traumata führen.
  • Das OLG München entschied 2012, dass Wintersportler ohne Helm auch bei nicht selbstverschuldeten Unfällen eine Mitschuld für ihre Verletzungen haben – sie bekommen nicht den vollen Schadensersatz.

Der Helm ist also eines der wenigen Teile, das universell sowohl auf und abseits der Piste, im Funpark, und bei jeder Klettertour dabei sein sollte. Auch beim Hochtouren-Wandern sollte der Kopf nicht nur durch eine Mütze geschützt werden: Schon ein kleiner Steinschlag kann spielend die Kopfhaut durchschlagen.

Von Risiken und Nebenwirkungen der Bequemlichkeit

Sparen ist verständlich, aber es gibt Spargedanken, die sind einfach völlig falsch. Etwa, beim Bergwandern mit Klettersteig etwas anderes zu tragen, als dedizierte, über-knöchelhohe Bergschuhe. zoom

Dabei dreht sich praktisch jede Argumentation rund um Schutzausrüstungen nur um zwei Fragen:

  • Werde ich dadurch in der Beweglichkeit eingeschränkt?
  • Was kostet mich die ganze PSA?

Im Klartext also Bequemlichkeit und Sparsamkeit.
Es gibt nicht wenige, die beispielsweise fürs Schneeschuhwandern zugunsten des persönlichen Komforts lieber einen teureren Rucksack kaufen und dafür aber bei empfohlenen Sicherheitsdetails wie Lawinenschaufel und –sonde sowie dem GPS-Gerät sparen. Außerdem gibt es immer wieder Bergwanderer, die den Sicherheitsaspekt bei der Wahl ihrer Ausrüstung vernachlässigen. An Passagen, die mit einem schwarzen Punkt ausgeschildert sind, kommt es mit falschem Schuhwerk nicht selten zu verstauchten Knöcheln oder gravierenderen Unfällen, bei denen die Bergwacht zum Einsatz rücken muss – längere Krankenhausaufenthalte und Reha-Maßnahmen nicht ausgeschlossen.
Natürlich: Bestimmte Denkweisen können sich über Jahre hinweg auszahlen und damit für eine trügerische Sicherheit sorgen: „Seht Ihr, mir ist auch ohne dieses und jenes noch nie etwas passiert“ argumentieren solche Leute gerne voller Überzeugung – und stecken mit ihrer falschen Sparsamkeit und Bequemlichkeit jene an, die es aufgrund mangelnder Erfahrung nicht besser wissen. Genau das sind dann meist die Pechvögel, die sich im Funpark bei einem Sturz ohne Protektor das Handgelenk an drei verschiedenen Stellen brechen. Genau das sind die, die beim Freeriding auf ein LVS-Gerät verzichten, weil sie das Geld lieber in neue Bretter investieren und dann verschüttet werden.

Deshalb eine Bitte: Schutz ist bei allem am Berg das Wichtigste, das vor allem anderen stehen sollte: Gutes Schuhwerk ist wichtiger als eine neue Jacke

  • Eine sichere Bindung ist wichtiger als eine stylische Hose
  • Ein bequemer Helm steht über jedem Spargedanken
  • Ein Satz neuer Klemmkeile ist wichtiger als eine neue Trinkblase

Diese Liste lässt sich beliebig fortführen, jedoch ist ihr Grundtenor immer: Es gibt tausende Möglichkeiten, bei der Ausrüstung Geld zu sparen und/oder es sich bequemer zu machen. Schutz sollte dabei aber grundsätzlich ausgeklammert werden, denn hier zu sparen kann jahrelang gutgehen, aber gleichsam beim ersten Schritt in einer Katastrophe enden.

Alt ist nicht immer besser – aber manchmal

Der UV-Anteil der Höhensonne macht auch den besten Kunststoff irgendwann brüchig. Spätestens alle sechs Jahre solle ein neuer Helm drin sein – und nach zehn sind die Seile fälligzoom

Neues zu kaufen macht Spaß. Und für nicht wenige Bergsportler gehört das vorherige Shopping genauso zum „Gesamtpaket“ dazu wie der eigentliche Sport. Allerdings bleibt auch hier die Zeit nicht stehen – nicht nur bei Modetrends.
Jedem sollte bekannt sein, dass da oben eine viel stärkere UV-Strahlung herrscht – die gibt nicht nur einen Urlaubs-Teint, sondern ist auch das reinste Gift für alles, das in irgendeiner Form aus Kunststoffen besteht: Skikleidung aus Funktionsstoffen leidet unter diesem Beschuss ebenso wie Skischuhe, Kletterseile und auch Helme. Eine Sonnenbrille tragen glücklicherweise die meisten am Berg, um ihre Augen vor der Strahlung zu schützen – doch vergessen sie dabei, dass ihr Equipment völlig schutzlos ausgeliefert ist. Und selbst wenn die Ausrüstung ansonsten nicht über Gebühr beansprucht wird, muss klar sein: Nach einigen Jahren Bergsonne muss das meiste ausgetauscht werden, weil sich seine chemischen Bestandteile durch UV soweit verändert haben, dass die ursprüngliche (Schutz-) Eigenschaft nicht mehr gegeben ist. Ein paar Näherungswerte zur Lebensdauer:

  • Helme sollten nach fünf bis sechs Jahren ausgetauscht werden
  • Seile sollten nach zehn Jahren erneuert werden
  • Skier und Boards sollten nicht mehr als 250 Skitage erleben
  • Poly-Wintersportbekleidung hält je nach Häufigkeit der Waschung bis zu fünf Jahre 
  • Lawinenairbags haben eine Lebensdauer von zehn Jahren 
  • Protektoren sind nach sechs Jahren reif für einen Austausch

Allerdings gilt dabei: Es kommt darauf an, wie stark und oft die Ausrüstung beansprucht wird. Wer einmal pro Jahr für zwei Wochen in den Wintersporturlaub fährt, kann die volle Lebensdauer seiner Protektoren auskosten – wer jedoch praktisch auf der Piste lebt, muss früher wechseln. In diesem Sinne kann es nicht nur für Sparfüchse durchaus vorteilhaft sein, nicht unbedingt immer auf neueste Kunststoff-Materialien zu schauen, sondern sich bei Altbewährtem umzutun: Naturmaterialien wie Baumwolle altern nicht unter UV-Strahlung, können aber durch moderne Herstellungs- und Imprägniermethoden in ihrer Funktion teilweise dicht an High-Tech-Materialien herangebracht werden. Das soll natürlich kein Aufruf sein, seine Kletterseile durch Hanf zu ersetzen, aber wenn etwa der Kauf eines Windbreakers ansteht, kann es sich durchaus lohnen, in Richtung G-1000 (ein Polyester-Baumwolle Mischgewebe) oder dem seit den 40ern existierenden Ventile zu blicken.

Moderne High-Tech-Stoffe haben definitiv ihre Daseinsberechtigung – extreme Langlebigkeit gehört jedoch nicht zu ihren Stärken. Wer die sucht, sollte für Anorak und Co. in Richtung Naturmaterialien blicken. zoom

Zudem gilt es auch, seine Sachen so zu lagern, dass sie möglichst lange halten: Die Kletterausrüstung sollte also nicht Dauermitfahrer auf der Rückbank des Autos sein, wo sie mit UV-Strahlen konfrontiert und der Hitze ausgesetzt wird, sondern zwischen den Touren im kühlen, dunklen Keller gelagert werden. Sparfüchse kaufen schichtweise - Bei einem Anfänger, der sich die ganze Ausrüstung auf einen Schlag kauft, steht die „Lebensdauer-Uhr“ des Equipments logischerweise bei null. Und natürlich ist klar, dass vieles davon einen gleich hohen Abnutzungsgrad aufweist, weil es immer zusammen verwendet wird (etwa Skibindung und Helm) und auch eine gleich lange Lebensdauer aufweist. Der finanzielle Trick ist dabei, eben nicht alles aus falscher Sparwut bis zum Maximum auszureizen, sondern Step-by-Step schon vorher zu erneuern. Beispielsweise der Helm schon nach drei Jahren, damit sein Kauf nicht mit den Protektoren zusammenfällt. So muss pro Saison weniger Geld ausgegeben werden und trotzdem niemand mit zu alter Ausrüstung ins Gebirge.
Ein Tipp jedoch: Wenn auf diese Weise verfahren wird, sollte man sich die Zeit nehmen und die Kaufdaten aller Stücke in eine Kladde eintragen. Auf diese Weise herrscht Überblick über das genaue Alter.

Fazit - Schutz ist im Berg bei jeder Sportart das oberste Gebot. Zwar gibt es für jeden Sport die passende Schutzausrüstung, allerdings sollte diese in jedem Fall absoluten Vorrang vor Mode, Komfort und sämtlichen Spargedanken haben. Nur wer sich adäquat schützt und nicht die Augen vor physikalischen Realitäten verschließt, hat lange sicheren Spaß an seinem Hobby.

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