Freeski-Mountaineering - Cima Presanella
Das junge ORTOVOX-Team hat sich 6 extreme Steiltouren mit Ski vorgenommen. Diese 6 Touren, verteilt über den ganzen Alpenraum, möchten wir euch auf tourentipp.de vorstellen.
Es geht im Bergsport längst nicht mehr nur um sportliche Höchstleistungen, Rekorde oder Erstbegehungen. Gerade deshalb blicken wir gerne auf die Pionierzeiten des Bergsteigens zurück. Damals waren die Erkunder unserer Alpen Helden, ihre Gipfelbesteigungen glichen Expeditionen. Mit natürlichen Mitteln machten sie sich die Berge ihr Eigen – ohne Fußabdrücke zu hinterlassen, die schönsten Linien immer fest im Blick. Ihre Philosophie begeistert noch heute!
Freeski-Mountaineering ist heute die natürlichste Form des Skibergsteigens. Kein Auto, kein Lift dienen als Hilfsmittel, außergewöhnlich schöne Anstiege zu erkunden – alles ganz abseits vom Pistentrubel. Steile Rinnen, enge Couloirs, exponierte Gipfel, die alles sind außer gewöhnlich, stehen im Fokus der jungen Ortovox Athleten. Für sie zählen die Ruhe und Kraft der Berge, Freundschaft, Vertrauen und die Schönheit ganz besonderer Abfahrten. Freeski-Mountaineering oder auch Steilwandskifahren erfordert ein Höchstmaß an Vertrauen und Leistungsfähigkeit. Keine andere Sportart bestraft Fehler radikaler als Klettern und Skifahren im Grenzbereich. Das junge ORTOVOX-Team war im Frühjahr 2010 im gesamten Alpenraum unterwegs. Herausgekommen sind sechs besondere Gipfelanstiege, die sehr guten Skibergsteigern vorbehalten sind und die Bergwelt so erleben lassen, wie es die Skipioniere früherer Zeiten getan haben.
Hier der Bericht des ORTOVOX-Teams:
Die Cima Presanella ist der höchste Berg im Trentino und bietet als solcher nicht nur eine überragende Aussicht, sondern auch eine ungeheuer abwechslungsreiche und für eine Hochtour nicht allzu schwierige Route. Dies gilt natürlich nur bei günstigen Verhältnissen. Eine gemütliche Hütte mit Traumblick auf die Brenta lädt ebenfalls zu dieser Unternehmung ein. Endlich ist es soweit: In unerwarteter Anruf von Bernd leitet die Aktion in Gang: Heute Mittag geht’s los nach Italien, das Wetter passt und die Bedingungen sind gut. Alles klar, schnell den Rucksack packen, ab ins Auto und ab in den Süden. In Stavel auf 1234m im Val di Vermiglio lassen wir das Auto stehen, checken nochmal die Rucksäcke und stapfen vollgepackt und voller Vorfreude los.
In Serpentinen geht ein kleiner Pfad durch den Wald bis zu einem steilen Schneefeld. Hier schnallen wir die Tourenski an und kämpfen uns den Berg hoch. Es ist schwierig, voran zu kommen, da der Schnee hart und verharscht ist. Immer wieder rutscht man ab und die Spitzkehren sind ein kleines akrobatisches Meisterwerk. Unser Tempo ist zügig, wir wollen noch vor Sonnenuntergang aus dem Waldstück sein, um im Freien noch einige Mondscheinfotos zu schießen. Schließlich erreichen wir nach ca. 3 Stunden das Refugio Stavel F. Denza auf 2298m.
Erschöpft und erleichtert, unser erstes Ziel erfolgreich erreicht zu haben, richten wir uns in der Hütte ein, wo wir auf eine Gruppe netter Südtiroler treffen, die ebenfalls die Cima Presanella anstreben. Wir plaudern noch ein wenig und kochen unser Abendessen und hauen uns dann endlich auf's Ohr, um am nächsten Tag fit für den eigentlichen Teil unserer Tour zu sein.
Um halb drei in der Früh starten wir los. Schnell noch ein kleiner Powerfrühstück, dann ab in die Skischuhe, Tourenski anschnallen, Stirnlampe an und schon laufen wir los in die dunkle, stille Nacht. Wir haben etwas Bedenken über das Wetter, da keine Sterne zu sehen sind. Im Laufe der Zeit wird es immer heller, doch anstatt blauem Himmel, sehen wir eine graue Decke und der Wind pfeift uns eisig um die Ohren. Wir sind zuversichtlich und laufen weiter, bis zum Kernstück der Bergtour: Der Steilwand, die wir danach mit den Skiern runterfahren. Nun ist der Zeitpunkt, an dem wir eine Entscheidung fällen müssen. Sollen wir es wagen und trotz des kalten Windes und der niedrigen Temperaturen weitergehen, oder umkehren. Chrissy hat heute ein wenig zu kämpfen - wie sich im Nachhinein herausstellt, war sie fiebrig und lag die nächsten Tage auch erst einmal flach. Ihr ist schlecht und die eisigen Bedingungen verbessern diesen Zustand nicht unbedingt. Obwohl es Marina am Tag zuvor nicht gut ging und sie mit einer Erkältung zu schaffen hatte, geht es ihr heute erstaunlich gut. Chrissy trifft die Entscheidung umzukehren, hier ist es noch nicht gefährlich, alleine runterzufahren. Marina will weitergehen. Leider müssen wir uns hier trennen, wir wünschen und viel Glück und gute Besserung und verabschieden uns voneinander. Ab diesem Punkt wollen wir nicht mehr mit den Fellen weitergehen, weil es bei dieser Steilheit zu beschwerlich ist. Wegen den Schneemäulern und Spalten seilen wir uns kurz an und wechseln uns mit dem Spuren ab. Der Schnee geht uns bis zu den Oberschenkeln und wir sind die ersten, die heute den Gipfel erreichen wollen. Schritt für Schritt nähern wir uns dem Ziel. Kaum merklich kommen wir höher, doch irgendwann sind wir knapp vor dem Gipfelkreuz und die Freude, oben zu sein, überbietet jeden Moment der Anstrengung.
Es wird sogar schön Wetter und die Wolkendecke lässt die Sonne wie durch ein Wunder genau zum richtigen Zeitpunkt durch. Wir jubeln und umarmen uns und genießen unser Gipfelfrühstück in vollen Zügen. Der einzige Punkt, der echt schade ist, dass Chrissy diesen atemberaubenden Augenblick nicht mit uns teilen kann. Gestärkt und ausgeruht, machen wir uns an die Abfahrt. Bernd und Pete gehen voraus und geben Marina das Kommando zum losfahren. Etwas zu wagemutig stürzt sie sich in die Steilheit und sie bleibt mit einem Ski hängen, so dass es sie überschlägt. Sie rast direkt auf Bernd und Pete zu, die sich gerade noch halten können, als Marina sie streift. Nach einigen Purzelbäumen kommt sie endlich zum Stillstand. Wir alle müssen erst einmal tief durchschnaufen, denn die ganze Sache hätte auch böse ausgehen können, wenn der Hang eisig und harschig, anstatt tiefschneebedeckt gewesen wäre. Den Rest der Abfahrt bewältigen wir zwar immer noch schnell und mit Spaß, doch unsere Konzentration und Achtsamkeit ist nun doppelt geschärft, da uns allen der Schock noch in den Knochen sitzt. Am Ende des Steilhangs müssen wir noch ein Schneemaul passieren und Bernd hat die Idee, sich hineinzulegen und mich von unten zu fotografieren. Yeah, der Sprung hat geklappt, das Foto sitzt und ab geht's runter zum Rifugio, wo Chrissy auf uns wartet. Ihr geht’s immer noch nicht so gut, und es war für sie bestimmt die richtige Entscheidung, unten zu bleiben. Es kommen noch genug Gipfel, auf denen wir gemeinsam stehen werden. Nach einem original italienischen Espresso in einem kleinen Dorf im Tal geht's dann auch schon wieder nach Hause und wir alle freuen uns auf unseren nächsten Trip auf die Berge. Alle Bilder und Texte: ORTOVOXEinen ausführlichen Tourentipp zum Cima Presanella finden Sie hier.
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